Transformierte, oder transformierende Gesellschaft?

Das Ziel der Transformation ist nicht eine transformierte Gesellschaft, sondern eine sich transformierende Gesellschaft

In den Diskussionen über Alternativen zum herrschenden Weltwirtschafts- und Gesellschaftssystem bei den Weltsozialforen und anderen Plattformen wurde schnell deutlich, dass es nicht darum gehen kann, dem der Welt von herrschenden Eliten aufgezwungenen Paradigma des neoliberal globalisierten Kapitalismus ein anderes Modell entgegenzusetzen. Vielmehr wurde von Anfang an betont, dass es um die Vielfalt der Lösungsansätze geht, um viele mögliche andere Welten.

Folglich ist ein wesentlicher Schritt und zugleich zentraler Teil eines neuen Zukunftsansatzes, nicht eine bestimmte Gestaltung sondern die Gestaltbarkeit der Verhältnisse durch die Betroffenen zu gewährleisten.

Gleichzeitig ist klar, dass dies nicht in der reinen Beliebigkeit stattfinden kann. Nach welchen Richtlinien arbeiten wir zusammen, wenn es kein gemeinsames „Modell“ geben kann?

Das International Forum on Globalisation bot damals die Definition eines Werte-Kanons, dem die meisten zivilgesellschaftlichen globalisierungskritischen Bewegungen zustimmen könnten, an. [1]

Es gibt hier aber noch eine grundsätzlichere Frage: Wenn das Neue wirklich neu sein soll, dann können wir es jetzt noch nicht kennen. Das heißt aber, dass jede Zukunftsplanung, die eine Vorstellung dessen beinhaltet, wie es in Zukunft aussehen soll, nicht wirklich die Zukunft gestaltet, sondern Altes und aus bereits bekanntem entwickelte Vorstellungen in die Zukunft projiziert.

Gleichzeitig ist unser Denken und Handeln von Werten geprägt, aus denen sich Vorstellungen wie das Leben aussehen soll ableiten. Der Wunsch nach Sicherheit beinhaltet auch den Wunsch zu wissen, wie es morgen aussieht.

Dies wird zum Beispiel in den Transformations-Bausteinen der Akademie für solidarische Ökonomie reflektiert, die als Lösung die Formulierung von Anti-Thesen zum herrschenden System anbietet, die als Leitlinien gelten können. [2]

Hierin liegt aber auch eine persönliche Grundsatzfrage. Will ich bestimmen, wie es in Zukunft aussehen soll und die Erreichung fester Ziele anstreben? Oder lasse ich mich auf einen offenen Gestaltungsprozess ein?

Hinzu kommt ein oft wenig beachteter Aspekt: Die sich beschleunigende Entwicklung globaler Veränderungen. Die Abholzung der Urwälder in den Regionen der neolithischen und urbanen Zivilisationsentwicklung dauerte Jahrtausende. In den vom Kolonialismus betroffenen Regionen dauerte es wenige Jahrhunderte.

Die Beschleunigung der technologischen Innovationszyklen wird dramatische Umwälzungen innerhalb immer kürzere Zeitabstände zur Folge haben. In den Forschungslaboren der Konzerne und zunehmend konzernfinanzierten Universitäten wird mit Hochdruck an drei parallelen technologischen Entwicklungssprüngen – Kybernetik/Künstliche Intelligenz, Nanotechnologie und Gentechnologie – gearbeitet, von denen jeder einzelne die Industrielle Revolution in den Schatten stellt.

Die Rahmenbedingungen für Zukunftsgestaltungen verändern sich rapide noch während wir am planen sind. Die Bestandsanalysen, auf deren Grundlage wir Ziele formulieren, verlieren ihre Gültigkeit, bevor wir unsere Pläne umsetzen können. „Planning in action“ war schon vor Jahrzehnten die Devise von Stadtplanern, die in den schnell wachsenden Megastädten mit über Nacht entstehenden informellen Siedlungen konfrontiert wurden.

Wie gehen wir damit um? Müssen wir nicht neue Kompetenzen ausbilden um fähig zu sein, im sich ständig wandelnden Umfeld gestaltungsfähig(er) zu werden?

In der Bildung für nachhaltige Entwicklung und im Globalen Lernen wird durchaus auch die Kompetenz angestrebt, sich in einem sich wandelnden globalen Umfeld orientieren zu können und Verantwortung zu übernehmen. Aber haben diese Bildungskonzepte wirklich die Beschleunigung dieser Veränderungen im Blick? Welche praktischen Fähigkeiten bilden sie dafür aus?

Gesellschaftliche Strukturen und Praktiken stehen der Offenheit der Gestaltungsprozesse im Weg. Unsere Zuschussgeber fordern eine Problemanalyse, eine genau beschriebene Zielsetzung und einen Maßnahmenplan. Es werden Wirkungsketten entwickelt, die darstellen wie der Input über einen Output zu indirekten und direkten, vorher bestimmten Wirkungen führen soll.

Dahinter steckt ein aus den Naturwissenschaften entlehntes Kausalitätsprinzip, dessen (Un-)Gültigkeit im Sozialen in den vergangenen zwei Jahrhunderten oft genug kritisch diskutiert wurde.

Vor Jahrzehnten beschlossene Großprojekte sind nicht mehr zu stoppen oder zu ändern, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, weil die „Sicherheit der Investitionen“ gewährleistet werden muss. Geld wird nur für Projekte eingesetzt, die ein vorher benennbares Ergebnis erwarten lassen.

Wollen wir uns wirklich diesem Denken unterwerfen, oder wollen wir uns darauf verlassen, dass in sozialen Veränderungsprozessen selbstständig denkende und handelnde Menschen unterwegs sind, die in jedem Moment eine Situation erfassen und darauf reagieren können?

Welche Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen sind erforderlich, um Prozesse gestaltbar zu machen?

In den neueren Entwicklungen in den Naturwissenschaften, wie Chaosforschung und Genetik, wurde das Phänomen der Emergenz entdeckt, d.h. die plötzliche Neuentstehung eines Zustands, dessen Eigenschaften nicht aus dem alten Zustand abgeleitet werden können. Meist befindet sich der alte Zustand fern vom Gleichgewicht, bevor er an einem „Bifurkationspunkt“ in ein neues Gleichgewicht übergeht. Die Analogie zu den multiplen globalen Krisen und der erwarteten Großen Transformation liegt auf der Hand.

Was können wir aus diesen Zweigen der Naturwissenschaften lernen und wo liegen die Unterschiede bei sozialen Prozessen?

Im künstlerischen Prozess entsteht immer unerwartet Neues. Der künstlerische Prozess ist durch einen intensiven Dialog mit dem entstehenden Werk geprägt. Es wird kein Plan umgesetzt, das „Planen“ und das „Umsetzen“ ist ein einziger integrierter Vorgang, der dadurch möglich ist, das der „Planende“ und „Durchführende“ im Entstehungsprozess mit dem Entstehenden verschmilzt.

Auch hier sollten wir fragen: Was können wir daraus lernen und was sind die Unterschiede in der sozialen Transformation?

Dies soll keineswegs ein Plädoyer dafür sein, jede Zielformulierung und jede Planung über Bord zu werden. Viele von uns kennen zur Genüge die allzu offenen Arbeitsprozesse und Gruppentreffen, bei denen am Ende gar nichts passiert.

Es geht darum, vor dem Hintergrund der Großen Transformation und der sich beschleunigenden Entwicklungen (selbst-)kritisch zu hinterfragen, wie wir bisher arbeiten und welche neuen Kompetenzen und Arbeitsweisen diese völlig neue historische Situation von uns fordert.

[1] International Forum on Globalisation IFG, Alternatives to Economic Globalization, Berrett-Koehler 2002, www.ifg.org

[2] Harald Bender, Norbert Bernholt, Wolfgang Fabricius, Klaus Simon

Von der kapitalistischen zur solidarischen Ökonomie – Teil 1: Transformationspfade und Wandlungsprozesse, Stand 01.06.11, S.5, Link (Zugriff 16.01.17):

www.akademie-solidarische- oekonomie.de/images/jdownloads/Dokumente/Transformation_I_2011_06_01.pdf

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