Mittendrin

Herzlich willkommen im Projekt „Wir sind schon mittendrin … und fangen gerade erst an“

Die Tagung wird von einem kleinen Team von Menschen vorbereitet, die sich seit einigen Jahren – teils beruflich, teils in ihrem gesellschaftlichen Engagement – mit der öko-sozialen Transformation beschäftigen.

Uns motiviert dabei zum einen die Aussicht auf eine echte tiefgreifende Veränderung, aber auch die Einsicht, dass es dazu noch viel umfangreicherer Anstrengungen bedarf.

Um einen ersten Einblick in unsere Herangehensweise zu geben, erläutern wir hier einige Aspekte unseres Verständnis von Transformation. Wie das meiste, das wir auf dieser Webseite darstellen und auch in der Transformationstagung ansprechen wollen, hat dieser Text provisorischen Charakter – wir wollen uns auf den Weg machen, nicht schon am Ende angekommen sein;)

 

Transformation?

Unter (Großer) Transformation – als deskriptivem Begriff – verstehen wir die im 21. Jahrhundert anstehenden, tiefgreifenden globalen Veränderungen. Sie erfassen alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche, von natürlichen ökologischen, über sozio-ökonomische, -politische und -kulturelle Prozesse bis zum einzelnen Individuum. Sie sind von der Tragweite her mindestens vergleichbar mit den Auswirkungen der industriellen oder neolithischen Revolution, gehen aber wahrscheinlich weit darüber hinaus.

Erhebliche Veränderungen werden von NaturwissenschaftlerInnen aufgrund beobachtbarer Umweltvorgänge vorhergesagt (z.B. Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen, Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation). Dies ist auch die Quelle, die am deutlichsten auf die Tragweite der Veränderungen hinweist, motiviert durch die Dramatik des Klimawandels.
Die Politik reagiert teilweise darauf, zum Beispiel mit der Agenda 2030, deren Umsetzung alleine bereits eine tiefgreifende Transformation darstellen würde.
Erhebliche soziale, politische und ökonomische Veränderungen sind erkennbar bereits im Gang, zum Beispiel in Form anwachsender Flüchtlingsströme, sich ändernder globaler wirtschaftlicher Kräfteverhältnisse (Schwellenländer), oder jüngst mit dem Anwachsen populistischer Strömungen.
Weniger öffentlich sichtbar sind die technologischen Entwicklungen, die in den Konzern- und Uni-Laboren vorangetrieben werden und die nach Aussage mancher Insider das Potential einer dreifachen industriellen Revolution haben (s. z.B. Wired, B.Joy, Why the future doesn’t need us).
Auf einer subtilen Ebene kommt hinzu, dass unserer Wahrnehmung nach Veränderungen bei den Menschen stattfinden, zum Beispiel in verändertem Kommunikationsverhalten oder in einer schwer greifbaren sozialen Empfindlichkeit und Wahrnehmungsfähigkeit.

Wohin diese Transformation führen wird ist teilweise noch offen und hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, eine authentische und wirksame zivilgesellschaftliche Debatte darüber zu führen. Diese mit unseren bescheidenen Mitteln zu unterstützen und zu fördern, ist unser zentrales Anliegen bei dieser Tagung.

Als normativem Begriff meinen wir mit Transformation die sogenannte ökologisch-soziale/öko-soziale Transformation, die von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren und sozialen Bewegungen angestrebt wird. Für diese Transformation gibt es kein einheitliches Ziel, schon gar keinen Masterplan, aber so etwas wie einen gemeinsamen Werte-Kanon, der mit den Transformationsschritten verwirklicht werden soll. Teil dieser Werte sind z.B. die vollständige Verwirklichung der individuellen und kollektiven, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte; mindestens die ökologisch zukunftsfähige Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, bei vielen Akteuren aber zunehmend die umfassende Wiederherstellung und Bewahrung der Schöpfung und Achtung der Rechte der Mutter Erde; die solidarische Verteilung von Gütern und Teilhabe am wirtschaftlichen Prozess; menschenwürdige und selbstbestimmte Produktionsbedingungen; die Wertschätzung aller Formen gesellschaftlich relevanter Arbeit; selbstbestimmte Teilhabe und Mitbestimmung an sozialen und politischen Entscheidungsprozessen; u.v.m. Gemeinsam ist einem Teil der Akteure auch eine Analyse und Kritik der herrschenden Verhältnisse, welche die Verwirklichung dieser Werte verhindern, und eine Transformation notwendig machen. Wichtige Verständigungsprozesse hierzu fanden und finden bei den Weltsozialforen und anderen internationalen Großereignissen statt.

Es kann nun kritisch hinterfragt werden, ob die Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts sich in Bezug auf stattfindende und anstehende Veränderungen von früheren Jahrhunderten so grundlegend unterscheidet, dass der Begriff Große Transformation gerechtfertigt ist.
Die WissenschaftlerInnen des WBGU bejahen dies, aufgrund der bereits stattfindenden und prognostizierten ökologischen Veränderungen.
Wir bejahen es vor allem wegen der absehbaren technologisch vorangetriebenen Veränderungen.
Wir bejahen es vorsichtig auch mit Blick auf das Veränderungspotential, das durch die globalen zivilgesellschaftlichen und sozialen Bewegungen existiert. Wir haben allerdings Zweifel, ob dieses Potential rechtzeitig verwirklicht wird, bevor durch Konzerne bzw. Kapitaleigner gesteuerte technologische Veränderungen die Weichen in einer Weise gestellt haben werden, die eine Mitgestaltung der weiteren Transformationsschritte durch die Mehrheit der Menschen ver- oder mindestens stark behindern wird.

Es gibt vermutlich zwei grundlegende Schwierigkeiten dabei, die Transformation als solche zu erkennen:
– Historisch tiefgreifende Veränderungen, die sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen, werden von unserem Alltagsbewusstsein nicht als dramatisch erlebt, da sie sich an unserer Biographie gemessen langsam vollziehen.
– Wir befinden uns seit Beginn der industriellen Revolution bereits in einer Phase sich beschleunigender Veränderungen und nehmen daher die ständigen Veränderungen in unserer Umgebung als „normal“ hin.
Man könnte noch argumentieren, dass die Transformation mit Beginn der industriellen Revolution oder mit Beginn der Neuzeit bereits im Gang ist. Dann verliert man aber das Spezifische und Aktuelle des Begriffs.

Was macht also das eigentlich Neue und Eigene der Transformation aus? Drei Thesen:
1. Wir stehen davor, das gegebene natürliche Ökosystem durch ein weitgehend menschlich und technologisch gestaltetes zu ersetzen.
2. Wir stehen davor, den natürlichen Menschen durch einen gen-, nano- und informationstechnisch veränderten zu ersetzen.
3. Wir sind die erste Generation, die Veränderungen dieser Tragweite bewusst gestalten und folglich auch in eine andere Richtung lenken kann.
(Und wie Graeme Maxton von Club of Rome bei der Eröffnung zu einer Tagung über die SDG im Oktober 2016 in Stuttgart anmerkte, sind wir möglicherweise auch die letzte, die das kann.)

verfasst von Johannes Lauterbach, Orga-Team Transformationstagung,  24.02.2017