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Peter Streiff: Mitten drin … und auch außen vor

(nachfolgender Beitrag zum Pressegespräch an der Transformationstagung ist in der April-Ausgabe der Contraste – Zeitung für Selbstorganisation – erschienen)

ZUR DOPPELROLLE VON JOURNALISTiNNEN IN BEWEGUNGEN
Mitten drin … und auch außen vor

Wer für Contraste oder andere alternative Medien schreibt, will selten möglichst neutral über ein Ereignis berichten, wie es JournalistInnen in großen Medien vorgeben zu tun. Sondern Contraste-AutorInnen sind meist Teil von Bewegungen oder sie sind in einem Projekt engagiert, über das sie schreiben. Nach gängigen Regeln der Medienbranche ist diese Doppelrolle von AktivistIn und BerichterstatterIn jedoch ein Unding. – Die Diskussion an der Stuttgarter Transformationstagung Ende März zeigte hingegen, dass statt einer eh nicht einzuhaltenden »Neutralität« die transparente eigene Haltung eines/r JournalistIn in Alternativmedien viel entscheidender für die Glaubwürdigkeit sei.

PETER STREIFF, REDAKTION STUTTGART

Im Zusammenhang mit der oft plakativ geführten Debatte um »Fake news« geht es meist nur darum, ob aktuelle Aussagen von PolitikerInnen nun wahr sind oder eben nicht. Selten geht es darum, was genau bei einem bestimmten Ereignis geschehen ist. In den Hintergrund tritt bei der aufgeregten Diskussion jedoch häufig die eigentlich Kernaufgabe von JournalistInnen – nämlich Fakten zu recherchieren, unsichere Quellen sauber zu überprüfen und Zusammenhänge herzustellen.
Nun will ich im nachfolgenden Beitrag jedoch nicht den zunehmenden Vertrauensverlust erörtern, dem sich die Leitmedien in Deutschland ausgesetzt sehen. Sondern vielmehr der Frage nachgehen, welche Rolle die Alternativmedien in Zeiten des Umbruchs ausfüllen können. Oder anders gefragt: Welche Chancen und welche Konflikte gibt es für AutorInnen beispielsweise in der Contraste, wenn sie sich ihrer Doppelrolle als AktivistIn und BerichterstatterIn bewusst sind?

Transparente Haltung
Im Rahmen der Stuttgarter Transformationstagung fand zu diesem Thema am 26. März ein sonntägliches »Pressegespräch« statt, allerdings nicht im Fernsehen sondern live und mit Publikum im Jugend- und Kulturzentrum Forum3. Der Moderator Ulrich Morgenthaler konnte drei Gäste begrüßen: Die Autorin Sarah van Gelder, die vor 21 Jahren in den USA das »Yes-Magazine« mit begründete, den Buchautor und Gründer von Kontext-TV, Fabian Scheidler, sowie den Autor dieses Beitrags, der die Sichtweise eines Contraste-Redakteurs einbrachte.
Das »Yes-Magazine« unterscheidet sich von üblichen Zeitschriften vor allem dadurch, dass nicht Probleme und Skandale im Vordergrund stehen, sondern dass die RedakteurInnen konkrete Lösungsansätze vorstellen. Laut Sarah van Gelder wollen sie mit ihren Magazinbeiträgen »über die Bemühungen der Menschen berichten, eine gerechtere, nachhaltigere und mitfühlendere Welt zu schaffen« (vgl. Interview in Contraste, März 2017). Und sie ergänzte, dass ihr vor allem wichtig sei, ihre Haltung gegenüber einem Projekt oder ihre Form der Unterstützung zu begründen und transparent zu beschreiben.
Beispielsweise nahm sie an einigen Protestaktionen gegen eine geplante Ölpipeline im Standing-Rock-Reservat (US-Bundesstaat South Dakota) teil und schilderte den beeindruckenden, friedlichen Protest und die Aktionen des Zivilen Ungehorsams rund um das Widerstandscamp. In ihrem Interview mit einem ehemaligen Polizeioffizier und Marine-Veteran brachte sie die kraftvolle Verbindung zwischen der lokalen weißen Bevölkerung und den Indianerstämmen (»tribe«) zum Ausdruck, die beide in ihrem Kampf als Wasserschützer dasselbe Ziel verfolgen.
Zudem formulierte sie – was in Mainstream-Medien undenkbar wäre – ihre klare Unterstützung für die Wasserschützer und stellte auch den Bezug zur internationalen Klima-Debatte her: »Wir alle trinken Wasser und brauchen ein stabiles Klima. Wenn wir darüber nachdenken, ob wir derzeit wohl in der gefährlichsten Epoche der menschlichen Geschichte leben, können uns die Lektionen der Aktionen in Standing Rock weiterführen. Wenn wir die post-fossile Gesellschaft erschaffen wollen, können wir diese Lektionen als Eckpfeiler (»cornerstones«) annehmen: Lektionen von Respekt und Gewaltlosigkeit, von der höheren Wertschätzung von Leben gegenüber derjenigen von Geld sowie vom Lernen von der indigenen Bevölkerung.«

Fakten überprüfen

Fabian Scheidler machte zuerst mit Hilfe eines Zitats des globalisierungskritischen Intellektuellen Prof. Noam Chomsky deutlich, welche vier Gründe am Niedergang des aufklärerischen Journalismus mitgewirkt hätten und weiterhin mitwirken. Diese Gründe seien als eine Art Filter wirksam, die ausführliche und Fakten überprüfende Recherchen behindern oder sie oft auch verunmöglichen. Sie würden sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern oft in Kombination miteinander vorkommen:
Erstens sei dies der Eigentumsfilter, wonach es eben schon eine Rolle spiele, dass alle großen deutschen Medienhäuser im Besitz von äußerst vermögenden Familien sind. Als zweiten Filter nennt er die existenzrelevanten AnzeigenkundInnen, die oft 90 Prozent des Umsatzes eines Zeitungsverlags ausmachen. Drittens spiele die Frage, wo Informationen herkommen, eine entscheidende Rolle für die Auswahl an Nachrichten und an Informationsquellen – beispielsweise was den Ukrainekonflikt betrifft. Und als vierten Faktor nennt er die vorherrschende Ideologie in großen Zeitungsredaktionen, die es beispielsweise erkläre, warum fundierte Analysen der globalisierungskritischen Bewegungen kaum Widerhall finden in großen Tageszeitungen.
Scheidler kritisierte als Filmemacher insbesondere den Häppchencharakter vieler Nachrichtensendungen, in denen beispielsweise die Kurzmeldung über ein neues Aufflammen von Kampfhandlungen in der Ostukraine zusammenhanglos neben dem Kurzbericht zur Situation von geflüchteten Menschen in Deutschland stehe.
Diesem oberflächlichen Häppchen-Journalismus wolle er mit seinen Beiträgen auf »Kontext-TV« eine Form von ausführlichen und erklärenden Filmen entgegenstellen, die durchaus auch mal langatmig sein könnten, aber dadurch eben Raum lassen würden, auch Hintergründe aufzuzeigen, damit der/die ZuschauerIn einen Konflikt verstehen könne. Dabei sei ihm wichtig, einerseits die Fakten sauber zu recherchieren und darzustellen und andererseits sein Streben nach einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung nicht außen vor zu lassen. In seinem aktuellen Buch »das Ende der Megamaschine« hatte Scheidler dessen Notwendigkeit ausführlich begründet.

Doppelrolle aushalten
Vom Moderator auf die Eingangsfrage der Diskussion angesprochen, wie denn die Doppelrolle eines Aktivisten mit derjenigen eines Berichterstatters zu vereinbaren sei, antworte ich mit dem Beispiel des in Stuttgart nach wie vor Fronten bildenden Konflikts um das Immobilien- und Bahnprojekt Stuttgart21 (S21). Einerseits sind von JournalistInnen der großen Medienhäuser kaum kritische Töne zu hören. Kein Wunder, hatte doch der scheidende Redaktionsleiter der Stuttgarter Zeitung nachträglich eingeräumt, es sei wohl ein »Fehler gewesen, S21 zu StZ-21 zu machen.« An dieser Redaktionslinie hat sich in den letzten Jahren auch bei anderen großen Medien kaum etwas geändert, denn »die größte und dichteste Echokammer« sei der Journalismus, kommentierte dieser Tage der Medienwissenschaftler Norbert Bolz auf Telepolis seine Beobachtung, dass JournalistInnen oft »von Kollegen abschreiben und die Narrative der Politiker übernehmen.«
Andererseits gibt es Alternativen, denn es erscheinen regelmäßig Projekt-kritische Beiträge in der »Kontext-Wochenzeitung« – nicht zu verwechseln mit Kontext-TV – sowie in Medien, die der Stuttgarter Bewegung nahestehen. Wer sich jedoch als Teil der Bewegung versteht und gleichzeitig Berichte oder Reportagen darüber verfasst, läuft Gefahr, von KollegInnen der etablierten Medien kaum mehr ernst genommen zu werden. Denn man habe ja den Grundsatz verletzt, »sich nicht mit einer Sache gemein« zu machen. Oder es läuft die staatliche Repressionsmaschinerie an, wie der Beitrag zu Cams21 auf Seite 10 dieser Ausgabe zeigt (*).
Angesichts des zunehmenden Vertrauensverlusts der Mainstream-Medien bieten sich jedoch Chancen, mit engagierten und eindeutig Projekt-kritischen Beiträgen Gegenöffentlichkeit herzustellen und LeserInnen oder ZuschauerInnen zu gewinnen. Zumal die sehr fundiert arbeitenden Fachgruppen der Widerstandsbewegung jede Menge belastbare Informationen zusammentragen. Daher gilt es, die Doppelrolle auszuhalten und sie gleichzeitig nachvollziehbar zu machen, denn je sauberer die Fakten recherchiert und die Informationsquellen transparent sind, desto glaubwürdiger können Beiträge für die LeserInnen wirken.

(*) Beitrag ist (bebildert) auch auf Cams21 zu finden

„Samen der Hoffnung aus den Ruinen einer Stadt“

Vor der Transformationstagung: INTERVIEW von Peter Streiff mit Sarah van Gelder, übersetzt von Carol Bergin und Ulrich Morgenthaler, 14.2.2017 (per Mail).

Hallo Sarah, im letzten Jahr hast Du eine 12.000 Meilen lange Reise durch ein „neues Amerika“ unternommen, Deine Erfahrungen aufgeschrieben und ein Buch (*) veröffentlicht. Was macht dieses „neue Amerika“ aus und wie beschreibst Du es?

Sarah:
Ich entschied mich, an Orte in Randgebieten zu gehen, weil so viele Menschen und Institutionen in den großen Zentren des Reichtums und der Macht im Status quo eingebettet sind. Hier sind die Belohnungen enorm für diejenigen, die einfach mitmachen an den Dingen, so wie sie sind.
Aber immer mehr Amerikaner werden zurückgelassen – und dies hauptsächlich in einigen bestimmten Regionen des Landes. Nur zwanzig Amerikaner besitzen so viel Reichtum wie die Hälfte der Bevölkerung des Landes. So war ich neugierig, ob ein anderes Amerika auftaucht unter jenen Zurückgelassenen und unter denen, die sich einer gerechteren und ökologisch gesunden Zukunft verschrieben haben.
Und tatsächlich fand ich die Samen dieses neuen Amerika: Menschen, die Gemeinschaft vor Gewinne setzen, die sich für den Schutz der natürlichen Umwelt einsetzen und die ihre Verantwortung für künftige Generationen verstehen. Menschen, die an eine integrative Gemeinschaft glauben und dazu bereit sind, aus ihrem bequemen Alltag hinauszutreten, um sich über Rassen- und Nationalitäten-Grenzen hinweg zu bewegen. In meinem Buch beschreibe ich dies als eine „Kultur der Verbindung“ im Gegensatz zu unserer aktuellen „Ökonomie der Ausbeutung“ (economy of extraction).

Was an diesem „neuen Amerika“ hat Dich am meisten beeindruckt?

Sarah:
Die Freude, die es entfesselt! Die Menschen wollen die tieferen Verbindungen zu anderen Menschen und zur natürlichen Umgebung. Sie wollen fühlen, dass sie verstanden werden und dass sie andere tief verstehen können. Und sie sehnen sich danach, sich über die Grenzen zwischen Kultur und Generationen hinweg zu verbinden.
Und sie lieben ihre Umgebungen, die sie ihr zu Hause nennen, egal, ob es sich um eine raue, urbane Nachbarschaft oder eine weite Prärie handelt. Denn: Wenn wir uns in einer Weise verbinden, die vollkommen authentisch ist, werden Freude und Energie entfesselt. Wenn wir für den Wandel auf der Grundlage einer Gemeinschaft arbeiten, kann die Arbeit, die wir tun, um unsere Welt zu verändern, eine tiefe Bereicherung bedeuten.

Nach der Wahl von Herrn Trump zum US-Präsidenten hast Du einen Artikel im „YES!-Magazin“ über die „fünf Zeichen positiver Veränderungen im Jahr 2016“ veröffentlicht. Welche Zeichen geben Dir Hoffnung auf positive Veränderungen bei den Projekten und Initiativen, die Du besucht hast?

Sarah:
Vielleicht ist es die Konstellation der Initiativen, die ich in Detroit erlebt habe. Diese Stadt wurde von den Konzernen – vor allem der Automobilindustrie – verlassen und wird nun von einer Reihe von Führungspersönlichkeiten mit einer Agenda zurückgefordert, von der die großen Konzerne und eine überwiegend weiße Arbeiterschaft profitieren werden. Die überwiegend afroamerikanischen Nachbarschaften sind jedoch weitgehend aus ihrer Vorstellung ausgeklammert.
Aber die Einwohner von Detroit legen selbst fest, was sie wollen, und sie schaffen eine ganz andere Zukunft, die integrativ ist, die Kreativität schätzt und die die Seele nährt und auch eine gesunde natürliche Umwelt fördert. Ich bin immer begeistert, wenn ich sehe, wie diese Samen der Hoffnung aus den Ruinen einer Stadt sprießen.
Generell bin ich von der Macht inspiriert, die Menschen haben, wenn sie in ihren lokalen Gemeinschaften anfangen: Wenn wir eine vertrauensvolle Gruppe haben, die die verschiedenen Gemeinschaften einschließt, die unsere Nachbarschaft oder unsere Stadt ausmachen, und wenn wir zusammenarbeiten, haben wir weit mehr Macht als viele meinen, dass sie sie haben.
Ich fand diese lokalen Gemeinschaften wieder, als ich Südost-Montana besuchte und Viehzüchter und Ureinwohner interviewte, die zusammen eine riesige Kohle-Tagebaumine gestoppt haben. Eine relativ kleine Zahl von Menschen mit wenig Reichtum und wenig Macht war in der Lage, riesige Konzerne zu besiegen und zu verhindern, dass 1,2 Milliarden Tonnen Kohle gewonnen und verbrannt werden.

Du hast vor zwanzig Jahren gemeinsam mit einem Kollegen das „YES!-Magazin“ gegründet. Was war das wichtigste Ziel für Euch damals und hat sich dieses Ziel heute verändert?

Sarah:
Über die Bemühungen der Menschen zu berichten, eine gerechtere, nachhaltigere und mitfühlendere Welt zu schaffen, und sie damit sichtbar zu machen.

Was, glaubst Du, kann eine aktive deutsche Zivilgesellschaft aus der Geschichte des „YES!-Magazins“ lernen?

Sarah:
Dass es für die Zivilgesellschaft, für die Gemeinschaft und für eine Wirtschaft, die auf Teilen und auf Beziehungen beruht („love economy“), eine entscheidende Aufgabe gibt. Zu oft erwarten wir Progressiven von der Regierung, die Dinge zu lösen. Und die Konservativen erwarten, dass private Einrichtungen die Dinge lösen.
Beide vergessen jedoch diesen wichtigen dritten Sektor, der die Quelle vieler Kreativität, Lebensqualität und neuer Möglichkeiten ist. Dieser dritte Sektor ist auch das Umfeld für Beziehungen, die eine Quelle tiefer Zufriedenheit und tiefen Lernens sind – zum Beispiel, wo wir uns gegenseitig herausfordern können, den Kampf mit dem verankerten Rassismus aufzunehmen.
Hier können wir auch die Bausteine einer gerechteren und nachhaltigeren Wirtschaft zusammentragen. Und hier können wir auch wechseln – von einer Gesellschaft, die die natürliche Welt verbraucht, zu einer Gesellschaft, die bewahrend ist.
All diese Veränderungen geschehen in realen Beziehungen (nicht in Online-Beziehungen), mit anderen Menschen und mit der natürlichen Umwelt.
Die Regierung hat zwar eine wichtige Rolle. Aber sie folgt oft nur den Veränderungen der Mentalitäten und der Werte an der Basis – selten geht sie voran. Die lokal und regional entwickelten Modelle und Gemeinschaften können hingegen Veränderungen auf nationaler und internationaler Ebene einleiten.

Welche Fehler könnten wir vermeiden, wenn wir ein solches Magazin hier herausbringen wollten?

Sarah:
Was „YES!“ einflussreich macht, ist, glaube ich, wesentliche Fragen zu stellen. Fragen wie, was passiert, wenn es nicht genügend Arbeitsplätze gibt? Könnten wir eine Wirtschaft haben, die den Planeten wieder aufbaut, statt ihn zu verbrauchen? Wie können wir mit Konflikten umgehen – nicht indem wir uns gegenseitig töten oder sie vertuschen, sondern indem wir uns tief in die Quellen der Meinungsverschiedenheiten und unserer Bestrebungen für etwas anderes einlassen?
Und noch eine Erfahrung: Vermeidet Ideologie und festgelegte Antworten. Es genügt nicht, dass ein Artikel sich „gut anfühlt“ oder in ein vages progressives Spektrum fällt, sondern er muss echt sein. Er muss den Menschen einen plausiblen Weg vorwärts anbieten. Er muss in Erfahrungen und Geschichten, nicht nur Theorie geerdet sein. Und es sollte auch durch eine ganzheitliche Perspektive darüber informiert werden, wie der Wandel geschieht und wie die Dinge jetzt funktionieren und warum.
Auch passiert es Redakteuren und Autoren, die europäischer (einschließlich weißer, amerikanischer und kanadischer) Herkunft sind, leicht, dass sie ihre Denkweise, ihre Werte, ihr Wissen als die Norm ansehen, und diejenige anderer Hintergründe oder Weltanschauungen die Ausnahme seien – das „Andere“. Dies ist eine allgegenwärtige und subtile Form weißer Vorherrschaft, die fortfährt, auch progressive Autoren und Denker zu vergiften. Ebenso gehen männliche Autoren und Denker oft davon aus, dass sie Anspruch auf mehr Macht und mehr Stimme haben.
Die Führung für eine Transformations-Ära wird wahrscheinlich eher ausgehen von Menschen anderer Farbe („people of color“) als von Weißen; von Frauen, von Menschen an den Rändern, die bisher nicht so gründlich für das Festhalten am Status quo belohnt wurden. So sollte eine Zeitschrift sicherstellen, dass es Frauen und Menschen aller Hautfarben in allen Ebenen der Entscheidungsfindung, als Autoren und Gestalter gibt.

Was sind Deine Hoffnungen für Deinen Besuch in Deutschland? Was möchtest Du gerne von den Menschen, die sich für einen sozial-ökologischen Wandel in Deutschland engagieren, in die USA zurückbringen (oder erhoffst Du Dir von ihnen zu lernen)?

Sarah:
Ich bin tief beeindruckt von der Verpflichtung zur sozialen Gerechtigkeit im postnazistischen Deutschland. Die Vereinigten Staaten haben sich noch nicht mit ihrer eigenen Geschichte von Gräueltaten in Form von Sklaverei, Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern und illegalen Kriegen auseinander gesetzt. Ich würde gerne Lehrbeispiele in Deutschland finden, um sie mit nach Hause zu nehmen, um nachzuvollziehen, wie sich eine Kultur mit ihrer eigenen gewalttätigen Geschichte auseinandersetzt und versucht, Reparationen zu leisten und die Verpflichtung eingeht, keinen weiteren Schaden anzurichten.
Ich interessiere mich auch für einen Unterricht im Widerstand gegen den Faschismus, da unser Präsident diesen Ansatz recht attraktiv zu finden scheint, und viele führende republikanische Persönlichkeiten bereit scheinen, ihm dabei zu folgen. Viele in den USA waren selbstgefällig und glaubten, dies würde uns nicht passieren. Viele sind jetzt im Schock, deprimiert und desorientiert. Was kann ich also in Deutschland lernen, um einen Weg aus diesem Schock aufzuzeigen?
Ebenso bin ich tief beeindruckt von dem Engagement für Umweltschutz und von der Umstellung auf Solarenergie im Besonderen. Amerikaner unterstützen eigentlich einen solchen Schritt, aber wir sind bisher durch die Macht der fossilen Brennstoffindustrie behindert worden.
Und ich möchte etwas über Gemeinschafts-basierte Innovationen lernen, die sich mit einigen der heute entscheidenden Herausforderungen beschäftigen. Daher habe ich die Frage, auf welche Weise Deutschland eine integrativere, gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft aufbaut – und was können wir aus Euren Erfolgen lernen?

Und schließlich eine praktische Frage: Wann können wir eine deutsche Übersetzung Deines Buches „The Revolution where you live“ erwarten?

Das käme auf einen deutschsprachigen Verlag an. Mein Verleger, Berrett Koehler, ist sehr gerne bereit, Rechte in anderen Sprachen zu veröffentlichen, zu verkaufen, selbst publiziert er aber nicht in anderen Sprachen.

Wir freuen uns auf Deinen Besuch, vielen Dank für das Gespräch.

Thank you very much, Peter.

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(*) Sarah Van Gelder: The Revolution where you live. Geschichten von einer 12.000-Meilen-Reise durch ein neues Amerika. 2017, engl., Bezug: www.yesmagazine.org