Tag: 6. April 2017

Peter Streiff: Mitten drin … und auch außen vor

(nachfolgender Beitrag zum Pressegespräch an der Transformationstagung ist in der April-Ausgabe der Contraste – Zeitung für Selbstorganisation – erschienen)

ZUR DOPPELROLLE VON JOURNALISTiNNEN IN BEWEGUNGEN
Mitten drin … und auch außen vor

Wer für Contraste oder andere alternative Medien schreibt, will selten möglichst neutral über ein Ereignis berichten, wie es JournalistInnen in großen Medien vorgeben zu tun. Sondern Contraste-AutorInnen sind meist Teil von Bewegungen oder sie sind in einem Projekt engagiert, über das sie schreiben. Nach gängigen Regeln der Medienbranche ist diese Doppelrolle von AktivistIn und BerichterstatterIn jedoch ein Unding. – Die Diskussion an der Stuttgarter Transformationstagung Ende März zeigte hingegen, dass statt einer eh nicht einzuhaltenden »Neutralität« die transparente eigene Haltung eines/r JournalistIn in Alternativmedien viel entscheidender für die Glaubwürdigkeit sei.

PETER STREIFF, REDAKTION STUTTGART

Im Zusammenhang mit der oft plakativ geführten Debatte um »Fake news« geht es meist nur darum, ob aktuelle Aussagen von PolitikerInnen nun wahr sind oder eben nicht. Selten geht es darum, was genau bei einem bestimmten Ereignis geschehen ist. In den Hintergrund tritt bei der aufgeregten Diskussion jedoch häufig die eigentlich Kernaufgabe von JournalistInnen – nämlich Fakten zu recherchieren, unsichere Quellen sauber zu überprüfen und Zusammenhänge herzustellen.
Nun will ich im nachfolgenden Beitrag jedoch nicht den zunehmenden Vertrauensverlust erörtern, dem sich die Leitmedien in Deutschland ausgesetzt sehen. Sondern vielmehr der Frage nachgehen, welche Rolle die Alternativmedien in Zeiten des Umbruchs ausfüllen können. Oder anders gefragt: Welche Chancen und welche Konflikte gibt es für AutorInnen beispielsweise in der Contraste, wenn sie sich ihrer Doppelrolle als AktivistIn und BerichterstatterIn bewusst sind?

Transparente Haltung
Im Rahmen der Stuttgarter Transformationstagung fand zu diesem Thema am 26. März ein sonntägliches »Pressegespräch« statt, allerdings nicht im Fernsehen sondern live und mit Publikum im Jugend- und Kulturzentrum Forum3. Der Moderator Ulrich Morgenthaler konnte drei Gäste begrüßen: Die Autorin Sarah van Gelder, die vor 21 Jahren in den USA das »Yes-Magazine« mit begründete, den Buchautor und Gründer von Kontext-TV, Fabian Scheidler, sowie den Autor dieses Beitrags, der die Sichtweise eines Contraste-Redakteurs einbrachte.
Das »Yes-Magazine« unterscheidet sich von üblichen Zeitschriften vor allem dadurch, dass nicht Probleme und Skandale im Vordergrund stehen, sondern dass die RedakteurInnen konkrete Lösungsansätze vorstellen. Laut Sarah van Gelder wollen sie mit ihren Magazinbeiträgen »über die Bemühungen der Menschen berichten, eine gerechtere, nachhaltigere und mitfühlendere Welt zu schaffen« (vgl. Interview in Contraste, März 2017). Und sie ergänzte, dass ihr vor allem wichtig sei, ihre Haltung gegenüber einem Projekt oder ihre Form der Unterstützung zu begründen und transparent zu beschreiben.
Beispielsweise nahm sie an einigen Protestaktionen gegen eine geplante Ölpipeline im Standing-Rock-Reservat (US-Bundesstaat South Dakota) teil und schilderte den beeindruckenden, friedlichen Protest und die Aktionen des Zivilen Ungehorsams rund um das Widerstandscamp. In ihrem Interview mit einem ehemaligen Polizeioffizier und Marine-Veteran brachte sie die kraftvolle Verbindung zwischen der lokalen weißen Bevölkerung und den Indianerstämmen (»tribe«) zum Ausdruck, die beide in ihrem Kampf als Wasserschützer dasselbe Ziel verfolgen.
Zudem formulierte sie – was in Mainstream-Medien undenkbar wäre – ihre klare Unterstützung für die Wasserschützer und stellte auch den Bezug zur internationalen Klima-Debatte her: »Wir alle trinken Wasser und brauchen ein stabiles Klima. Wenn wir darüber nachdenken, ob wir derzeit wohl in der gefährlichsten Epoche der menschlichen Geschichte leben, können uns die Lektionen der Aktionen in Standing Rock weiterführen. Wenn wir die post-fossile Gesellschaft erschaffen wollen, können wir diese Lektionen als Eckpfeiler (»cornerstones«) annehmen: Lektionen von Respekt und Gewaltlosigkeit, von der höheren Wertschätzung von Leben gegenüber derjenigen von Geld sowie vom Lernen von der indigenen Bevölkerung.«

Fakten überprüfen

Fabian Scheidler machte zuerst mit Hilfe eines Zitats des globalisierungskritischen Intellektuellen Prof. Noam Chomsky deutlich, welche vier Gründe am Niedergang des aufklärerischen Journalismus mitgewirkt hätten und weiterhin mitwirken. Diese Gründe seien als eine Art Filter wirksam, die ausführliche und Fakten überprüfende Recherchen behindern oder sie oft auch verunmöglichen. Sie würden sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern oft in Kombination miteinander vorkommen:
Erstens sei dies der Eigentumsfilter, wonach es eben schon eine Rolle spiele, dass alle großen deutschen Medienhäuser im Besitz von äußerst vermögenden Familien sind. Als zweiten Filter nennt er die existenzrelevanten AnzeigenkundInnen, die oft 90 Prozent des Umsatzes eines Zeitungsverlags ausmachen. Drittens spiele die Frage, wo Informationen herkommen, eine entscheidende Rolle für die Auswahl an Nachrichten und an Informationsquellen – beispielsweise was den Ukrainekonflikt betrifft. Und als vierten Faktor nennt er die vorherrschende Ideologie in großen Zeitungsredaktionen, die es beispielsweise erkläre, warum fundierte Analysen der globalisierungskritischen Bewegungen kaum Widerhall finden in großen Tageszeitungen.
Scheidler kritisierte als Filmemacher insbesondere den Häppchencharakter vieler Nachrichtensendungen, in denen beispielsweise die Kurzmeldung über ein neues Aufflammen von Kampfhandlungen in der Ostukraine zusammenhanglos neben dem Kurzbericht zur Situation von geflüchteten Menschen in Deutschland stehe.
Diesem oberflächlichen Häppchen-Journalismus wolle er mit seinen Beiträgen auf »Kontext-TV« eine Form von ausführlichen und erklärenden Filmen entgegenstellen, die durchaus auch mal langatmig sein könnten, aber dadurch eben Raum lassen würden, auch Hintergründe aufzuzeigen, damit der/die ZuschauerIn einen Konflikt verstehen könne. Dabei sei ihm wichtig, einerseits die Fakten sauber zu recherchieren und darzustellen und andererseits sein Streben nach einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung nicht außen vor zu lassen. In seinem aktuellen Buch »das Ende der Megamaschine« hatte Scheidler dessen Notwendigkeit ausführlich begründet.

Doppelrolle aushalten
Vom Moderator auf die Eingangsfrage der Diskussion angesprochen, wie denn die Doppelrolle eines Aktivisten mit derjenigen eines Berichterstatters zu vereinbaren sei, antworte ich mit dem Beispiel des in Stuttgart nach wie vor Fronten bildenden Konflikts um das Immobilien- und Bahnprojekt Stuttgart21 (S21). Einerseits sind von JournalistInnen der großen Medienhäuser kaum kritische Töne zu hören. Kein Wunder, hatte doch der scheidende Redaktionsleiter der Stuttgarter Zeitung nachträglich eingeräumt, es sei wohl ein »Fehler gewesen, S21 zu StZ-21 zu machen.« An dieser Redaktionslinie hat sich in den letzten Jahren auch bei anderen großen Medien kaum etwas geändert, denn »die größte und dichteste Echokammer« sei der Journalismus, kommentierte dieser Tage der Medienwissenschaftler Norbert Bolz auf Telepolis seine Beobachtung, dass JournalistInnen oft »von Kollegen abschreiben und die Narrative der Politiker übernehmen.«
Andererseits gibt es Alternativen, denn es erscheinen regelmäßig Projekt-kritische Beiträge in der »Kontext-Wochenzeitung« – nicht zu verwechseln mit Kontext-TV – sowie in Medien, die der Stuttgarter Bewegung nahestehen. Wer sich jedoch als Teil der Bewegung versteht und gleichzeitig Berichte oder Reportagen darüber verfasst, läuft Gefahr, von KollegInnen der etablierten Medien kaum mehr ernst genommen zu werden. Denn man habe ja den Grundsatz verletzt, »sich nicht mit einer Sache gemein« zu machen. Oder es läuft die staatliche Repressionsmaschinerie an, wie der Beitrag zu Cams21 auf Seite 10 dieser Ausgabe zeigt (*).
Angesichts des zunehmenden Vertrauensverlusts der Mainstream-Medien bieten sich jedoch Chancen, mit engagierten und eindeutig Projekt-kritischen Beiträgen Gegenöffentlichkeit herzustellen und LeserInnen oder ZuschauerInnen zu gewinnen. Zumal die sehr fundiert arbeitenden Fachgruppen der Widerstandsbewegung jede Menge belastbare Informationen zusammentragen. Daher gilt es, die Doppelrolle auszuhalten und sie gleichzeitig nachvollziehbar zu machen, denn je sauberer die Fakten recherchiert und die Informationsquellen transparent sind, desto glaubwürdiger können Beiträge für die LeserInnen wirken.

(*) Beitrag ist (bebildert) auch auf Cams21 zu finden