Monat: März 2017

Fabian Scheidler: Ausstieg aus der Megamaschine

Warum sozialökologischer Wandel nicht ohne eine Veränderung der Tiefenstrukturen unserer Wirtschaft zu haben ist.

Wer eine Zeitung aufschlägt oder Nachrichten hört, fühlt sich in ein Panoptikum von Katastrophenmeldungen versetzt: hier eine verheerende Dürre, dort ein zerfallender Staat, hier ein Terroranschlag, dort ein Finanz-Crash. Man kann alle diese Ereignisse als unzusammenhängende Einzelphänomene betrachten, und genau das wird durch die übliche Art der Nachrichtenaufbereitung auch vermittelt. Man kann sie aber auch in einem größeren Zusammenhang sehen und darin Symptome einer systemischen Krise erkennen, deren einzelne Zweige gemeinsame Wurzeln haben.

Inwiefern aber sind wir Teil eines größeren Systems? Eine ­kenianische Kleinbäuerin und ein Wall-Street-Banker, eine deutsche Staatssekretärin und ein irakischer Polizist leben zweifellos in sehr verschiedenen Lebenswelten – und doch sind sie zugleich durch ein globales Netz miteinander verbunden, das dafür sorgt, dass die Staatssekretärin den Kaffee aus Kenia trinkt und das Penthouse des Bankers mit Öl geheizt wird, das durch Pipelines fließt, die vom irakischen Polizisten bewacht werden. Dieses Netz beinhaltet Flüsse von Gütern und Geld, aber auch von Informationen und von Ideen darüber, wie die Welt ist und sein sollte. Dieses komplexe Netzwerk hat, wie alle sozialen Systeme, eine Geschichte; es hat einen Beginn, eine Entwicklung und irgendwann auch ein Ende.

Die Megamaschine

Das globale System, das uns verbindet, ist unter verschiedenen Namen bekannt: Die einen nennen es das »moderne Weltsystem«, die anderen den »globalen Kapitalismus«. Ich verwende dafür die Metapher der »Megamaschine«, die auf den Historiker Lewis Mumford zurückgeht. Die moderne Megamaschine ist vor rund 500 Jahren in Europa in langen sozialen Auseinandersetzungen entstanden und hat sich seither mit geradezu explosionsartiger ­Geschwindigkeit um den Globus verbreitet. Sie war von Anfang an für eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung mit einer sagenhaften Reichtumsvermehrung verbunden, für die Mehrheit aber mit Ver­elendung, radikaler Ausbeutung, Krieg, Völkermord und nicht zuletzt mit der Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen.

In der Frühen Neuzeit, also seit dem 15. Jahrhundert, entstanden die Grundlagen eines transnationalen Handels- und Finanzsystems und einer globalen Arbeitsteilung. Diese ökonomischen Strukturen konnten jedoch unmöglich selbständig funktionieren. Sie waren – und sind es bis heute – von Staaten abhängig, die in der Lage sind, bestimmte Eigentumsrechte durchzusetzen, Infrastrukturen bereitzustellen, Handelsrouten militärisch zu verteidigen, wirtschaftliche Verluste aufzufangen und Widerstand gegen die Zumutungen und Ungerechtigkeiten des Systems unter Kontrolle zu halten. Staat und Markt sind daher nicht, wie oft behauptet wird, ein Gegensatzpaar, sondern historisch als integrale Teile eines gemeinsamen übergeordneten Ganzen entstanden. Zu diesem Ganzen gehört ein ideologischer Überbau, der die gewaltsame Durchsetzung und Ausbreitung des Systems rechtfertigt und als heilbringende Mission darstellt. Eine heute beliebte Form davon ist die Beschwörung der »westlichen Werte«. Früher dienten dazu Begriffe wie »Christenheit« (im Gegensatz zu den »Heiden«), »Abendland« und »Zivilisation« (im Gegensatz zu den »Wilden«) oder »Entwicklung« (im Gegensatz zu den »Unterentwickelten«).

Das beherrschende Ordnungsprinzip dieses Systems ist die endlose Akkumulation von Kapital oder, etwas vereinfacht gesprochen: das Prinzip, aus Geld mehr Geld zu machen. Dies ist neu in der Menschheitsgeschichte. Es gab viele Systeme, in denen Menschen durch Ausbeutung anderer enorme Reichtümer angehäuft haben. Es gab auch einige Gesellschaften, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen und damit letztlich sich selbst zerstört haben. Aber keine von ihnen – vom Römischen Reich bis zu den Mayas – beruhte auf einer endlosen Akkumulation, auf einer zum Selbstzweck gewordenen, quasi-automatischen Geld- und Gütervermehrung. Deren bizarre Logik, die sich in der Frühen Neuzeit herausgebildet hat, ist die zentrale Antriebs­feder für die aggressive Expansion und das permanente Wachstum, ohne die das System nicht existieren kann: Neue Märkte und Energiequellen müssen mit allen Mitteln, auch mit Gewalt, erschlossen und immer größere Naturräume in Abraumhalden für die ökonomische Maschinerie verwandelt werden. Innehalten, Verlangsamung, Mäßigung sind in dieser Logik gleichbedeutend mit Krise und Zusammenbruch. Daher sind, wie wir sehen werden, auch die Hoffnungen trügerisch, dass uns allein »grüne Technik« vor dem ökologischen Kollaps ­retten wird.

Im Getriebe endloser Akkumulation

Die Geldvermehrungslogik hat eine Eigendynamik, die weit über die individuelle Gier Einzelner hinausgeht. Ein Beispiel dafür ist die Aktiengesellschaft, die als Rechtsform vor etwa 400 Jahren entstanden ist und seither einen der entscheidenden Motoren der Akkumulation darstellt. Der Vorstandsvorsitzende einer großen Aktien­gesellschaft mag gierig oder bescheiden, ein Öko oder ein Klimaleugner sein: Seine Funktion besteht darin, das Quartalsergebnis des Unternehmens zu optimieren. Erfüllt er diese nicht oder nur unzureichend, spuckt die Institution ihn aus.

Nach diesem Bauprinzip sind die mächtigsten Organisationen der Erde geschaffen. Die 500 größten Unternehmen der Welt – die meisten von ihnen Aktiengesellschaften – vereinigen die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung auf sich. Was sie produzieren – Autos und Medikamente, Schnuller und Maschinengewehre, Viehfutter und Strom –, sind austauschbare Mittel zu ihrem eigentlichen Zweck, nämlich der Geldvermehrung. Ist der Bedarf an Produkten gedeckt, muss neuer Bedarf geschaffen werden. Daher ist es unabdingbar, dass Menschen in Konsumenten verwandelt werden, deren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben im Kaufen besteht – ganz gleich wie sinnlos, überflüssig oder schädlich die Produkte sind. Gesellschaftliche Entscheidungen über Sinn und Zweck des Ganzen, die Fragen, was Menschen wirklich brauchen und wie sie leben wollen, haben in ihrer Logik keinen Platz.

Die Grenzen des Systems

Die fünfhundertjährige Expansion der Megamaschine stößt allerdings im 21. Jahrhundert an kaum überwindbare Grenzen. Zum einen stottert die Akkumulationsmaschine: Die große Zahl von armen Menschen weltweit und die ­abbröckelnden Mittelschichten haben nicht das Geld, um eine wachsende Produktion noch zu profitab­len Preisen aufzukaufen. Daher weicht die Wirtschaft auf Finanzspekulatio­nen aus, die sich in immer tieferen Crashs entladen und Wirtschaft wie Staaten weiter destabilisieren. Je effektiver es Kapitalbesitzern gelingt, Löhne zu drücken, desto mehr spitzt sich die Krise zu. Die wohl einzige Möglichkeit, diesen Trend umzukehren, um die Megamaschine wieder flottzumachen, wäre ein Programm zur massiven Besteuerung von Reichtum, aus dem Umverteilung und staatliche Konjunkturprogramme finanziert würden. Allerdings arbeiten heute fast alle tonangebenden Kräfte aus kurzfristigen Eigeninter­essen genau dagegen an. Doch selbst wenn dies gelingen sollte, würden wir dadurch die zweite und noch schwerer zu überwindende Grenze nur umso schneller zu spüren bekommen: die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Diese Grenze betrifft nicht ­allein das Klima, sondern auch unsere Böden, unsere Süßwasservorräte, die Artenvielfalt, die Ozeane und Wälder, die alle einem beschleunigten Verwüstungsprozess ausgesetzt sind. Da man Geld nicht essen kann und es auf einem toten Planeten auch kein Wirtschaftswachstum mehr geben wird, sind die Grenzen der Biosphäre letztlich auch die Grenzen der Megamaschine.

Fata Morgana »ökosozialer Kapitalismus«

Nun wird immer wieder gesagt, wir könnten dieses System so verändern, dass die Wohlstandsproduktion von den zerstörerischen Wirkungen entkoppelt wird. Die Frage ist: Kann es eine wirklich grüne, soziale und friedliche Megamaschine geben? Zu denen, die darauf mit »Ja« antworten, gehören die Verfechter von Konzepten wie »Grünes Wachstum«, »Green New Deal« oder »Blue Economy«. Die Argumentation lautet: Wenn wir für jeden Euro, den wir erwirtschaften, immer weniger Ressourcen verbrauchen, dann können wir das Geld immer weiter vermehren und dabei einen immer kleineren ökologischen Fußabdruck hinterlassen. So schaffen wir einen ätherischen, ressourcenleichten Kapitalismus. Zweifellos gibt es in diesen Konzepten einzelne sinnvolle Vorschläge: etwa die Umlenkung von Investitionen in erneuerbare Energien und rohstoffsparende Produktion. Aber der Elefant im Raum, dem wir die Misere überhaupt zu verdanken haben, nämlich die Logik der endlosen Akkumulation, wird ausgeblendet.

In der Praxis führt das zu der Illusion, wir könnten die Tiefenstruktur unserer Gesellschaft so lassen, wie sie ist, und durch ein paar technische Innovationen und ökologische »Leitplanken« den nötigen Wandel erreichen. Wie trügerisch das ist, zeigt beispielsweise die großspurige Ankündigung aus den 1990er Jahren, mit der allgemeinen Verbreitung von Computern und Internet würden wir uns in eine »dematerialisierte« Ökonomie hineinbewegen: weniger Papierverbrauch, weniger Verkehr, eine körperlose, grüne Dienstleistungsökonomie. Was ist dar­aus geworden? Allein der Güterverkehr hat in den letzten 15 Jahren um etwa ein Drittel zugenommen. Die Deutschen, inzwischen bewaffnet mit unzähligen Computern, Tablets und Smartphones, verbrauchen zusätzlich zu ihrem Maschinenpark noch so viel Papier wie sämtliche 1,5 Milliarden Afri­kaner und Südamerikaner zusammen. Nur der Wirtschaftseinbruch der Finanzkrise 2008 hat in diesen Kurven eine Delle hinterlassen – eines der vielen Indizien dafür, dass eine ökologische Erleichterung nicht ohne eine Schrumpfung des Wirtschaftsvolumens zu haben ist. Das allerdings bedeutet in der Logik der endlosen Akkumulation: Krise, Massenarbeitslosigkeit, Verschärfung sozialer Konflikte, Staatspleiten.

Nur Veränderung ist realistisch

Um diesem Dilemma zu entrinnen, müssen wir die Tiefenstrukturen unserer Wirtschaft verändern und aus der ­Maschinerie der Geldvermehrung aussteigen. Wir brauchen Formen des Wirtschaftens, die dem Gemeinwohl dienen, nicht dem Profit. Dafür gilt es, nicht nur das Konsumverhalten zu verändern, sondern auch unsere Institutionen, die Art, wie wir produzieren, die Logiken staatlichen Handelns. Wir brauchen eine Strategie, um gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, das auf ­lokalen und regionalen Netzwerken aufbaut, massiv zu fördern und zugleich die Sektoren der Wirtschaft, die dem Akkumulationsprinzip und dem Raubbau verschrieben sind, zu schrumpfen. Utopisch? Mag sein. Aber ganz gewiss nicht realitätsfremd. Denn wenn etwas angesichts der globalen Krisen realitätsfremd ist, dann ein »Weiter so!« mit einigen kosmetischen Reparaturen. Radikale Veränderung ist in dem Chaos, in das wir uns hineinbewegen, das Einzige, was realistisch ist: Sie wird kommen, egal, ob wir es wollen oder nicht. Die Frage lautet nur: Wie wird diese Veränderung aus­sehen? Wer wird sie gestalten und in welcher ­Richtung?

Nichts deutet auf einen sanften Übergang hin. Im Gegenteil, die Zeiten werden ungemütlich werden, und das aus mehreren Gründen. Weil man zu lange auf das Trugbild eines begrünten Kapitalismus gesetzt hat, fehlen politische Konzepte für einen Ausstieg aus der Megamaschine. Währenddessen mauern sich die globalen Eliten in ihren videoüberwachten Hochsicherheits­enklaven ein und scheinen entschlossen, ihre Privilegien mit allen Mitteln zu verteidigen. Ein Kampf um die Wohlstandsinseln zeichnet sich ab, in vielen Ländern gewinnen autoritäre, fundamentalistische und rassistische Kräfte die Oberhand. Da es keinen Plan für einen Übergang gibt, müssen wir mit immer einschneidenderen Systemzusammenbrüchen rechnen: Finanz-Crashs, ökologischen Desastern, sozialen Krisen. Wie können sich soziale und ökologische Bewegungen darauf vorbereiten?

Die Kräfte für eine sozialökologische Transformation werden in dieser Gemengelage nur eine Chance haben, wenn sie sich untereinander vernetzen, aus den Nischen herauskommen und politische Räume besetzen, die durch die zerfallende alte Ordnung frei werden. Wenn sich das Ökodorf und die Initiative gegen Zwangsräumungen, streikende Krankenpflegekräfte und rebellierende Professorinnen und Professoren verbünden, kann genügend Energie zusammenkommen, um systemrelevant zu werden. Dafür gibt es Beispiele, etwa in den spanischen »Rebel Cities« wie Barcelona und A Coruña, wo die Stadtverwaltungen inzwischen von den sozialen und ökologischen Bewegungen erobert wurden.
Doch sobald solche Bewegungen aus der Nische herauskommen, nimmt auch der Gegenwind zu. Denn der Weg zu einer wirklich gemeinwohlorientierten, zukunftsfähigen Ökonomie ist kein Win-Win-Spiel. Ihn zu gehen, bedeutet, mächtigen Interessen zu trotzen und Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen. Die meisten Menschen in den Städten sind zum Beispiel gezwungen, im Hamsterrad der Akkumulation zu arbeiten, um die Mieten zu bezahlen, die eine Clique von Immobilienhaien und Fonds einstreicht, um das Rad der Finanzmärkte weiterzudrehen. Eine ernsthafte Transformation ist nicht ohne Änderung der Eigentumsverhältnisse denkbar. Das gleiche gilt für den Kampf um eine dezentrale Energiewende, um andere Formen der Mobilität, um Ernährungssouveränität, um patentfreie Produkte, um unsere Wasser- und ­Gesundheitsversorgung.

Wir bewegen uns in ein neues Zeitalter der Revolutionen hinein. Es ist unmöglich, vorauszusagen, was am Ende herauskommen wird: eine Welt, die noch mehr als die heutige von Ungerechtigkeit geprägt ist, oder eine friedlichere Welt. Sicher ist nur eines: In einem chaotischen System kann der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen. Es kommt also auf uns alle an.

Fabian Scheidler, Februar 2016.

Der Beitrag erschien erstmals im Oya-Magazin März/2016.

Er ist außerdem in der Ausgabe 45 der Zeitschrift Brennstoff veröffentlicht worden.

English version: Exit from the Megamachine (www.degrowth.de)

Version française: Sortir de la méga-machine (lesakerfrancophone.fr)

Ausstieg aus der Megamaschine

Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem die Träume sind

Wenn ich träume, träume ich nicht von Wirtschaft. Ich träume von Räumen und Landschaften, von Geräuschen, von Menschen mit ihren oft seltsamen Beziehungen und Geschichten. Aus der Traumforschung ist bekannt, dass man im Traum nicht rechnen kann, jedenfalls nicht über das Niveau einer ersten Grundschulklasse hinaus. Das deckt sich mit meinem Selbstbeobachtungen. Im Traum ist der berechnende Mensch abwesend. Wir können uns im Traum nicht vornehmen, einen Konkurrenten durch eine Reihe von Schachzügen auszubooten, um ihn zu überrunden und irgendwo mehr Punkte zu sammeln. Wir können im Traum nicht Mensch-ärgere-dich-nicht oder Monopoly spielen. Ich glaube, dass ich noch nie von Geld geträumt habe – höchstens, dass ich im Portemonnaie vergeblich nach einer Münze kramte. Unser Unbewusstes ist zur Berechnung weitgehend unfähig. Die tiefsten Schichten unserer Existenz und unseres Verhältnisses zur Welt sind nicht ökonomischer Art. Das beginnt schon, wenn wir auf die Welt kommen. Das Verhältnis eines Babys zu seiner Mutter ist kein ökonomisches. Da wird nichts getauscht und nichts gerechnet. The best things in life are free: Liebe, Freundschaft, echte Kreativität, Schönheit. Wouter van Dieren, Autor des Berichtes an den Club of Rome „Mit der Natur rechnen“, schrieb einmal, dass das Bruttoinlandsprodukt im Himmel gleich Null sein müsste, in der Hölle dagegen gigantisch.

Über Jahrhunderte ist uns eingeredet worden, der Kern des Menschen sei das unstillbare Verlangen, seinen Vorteil gegenüber anderen zu mehren. Wir wissen längst aus der vergleichenden Anthropologie, dass diese Erzählung ein Mythos ist, erfunden von europäischen Männern, die in ihrem eigenen Leben kaum etwas anderes kennengelernt haben. Menschen sind für Kooperation geschaffene Wesen. Sie suchen manchmal den eigenen Vorteil, oft aber auch ganz andere Dinge.

Nun wird man sagen, dass ein Mensch, um zu träumen, um Freundschaft, Liebe, Kreativität und Schönheit erfahren zu können, auch etwas essen muss, ein Dach über dem Kopf haben muss und vieles mehr. In der Tat. Aber muss er, um das bereit zu stellen, zu einem berechnenden Wesen werden? Um einen Dachstuhl oder ein Schiff zu bauen, ist zweifellos so etwas wie berechnende Planung nötig. Das ist eine wichtige Fähigkeit unseres Geistes. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Beziehungen der Menschen, die das tun, auf Berechnung, auf individueller Vorteilsmaximierung beruhen müssen.

Es ist das große Verdienst von Karl Marx, erkannt zu haben, dass Geld keine Sache ist sondern ein Symbol für menschliche Beziehungen. Wenn ich eine Kiwi kaufe, trete ich mit anderen Menschen in Beziehung. Irgendjemand hat sie irgendwo angepflanzt und geerntet, jemand anders verpackt und transportiert. Diese Menschen haben für mich etwas Wichtiges getan, auch wenn ich sie niemals zu Gesicht bekomme. Das Geld verdeckt unsere Beziehung. Es suggeriert, dass ich eine Sache, die Kiwi, gegen eine andere Sache, das Geld, tausche. Die Menschen, mit denen ich eigentlich in Beziehung trete, bleiben dabei unsichtbar. Und das macht einen beträchtlichen Teil der Armut unseres Lebens aus. Die Leere, die der Fetisch des Geldes hinterlässt, weil er unsere Beziehungen zu anderen Menschen verdunkelt, lässt sich auch mit noch so vielen Dingen nicht füllen.

Eine den Menschen angemessene, eine menschenfreundliche, eine gerechte Ökonomie muss daher zuerst einmal die Beziehungen, die das Geld verdeckt, sichtbar machen. Selbst der einsamste Mensch wird seine Welt rasch bevölkert sehen, wenn er sich fragt, wer denn den Stuhl, auf dem er sitzt, und den Kaffee, den er gerade trinkt, hergestellt hat. Wenn die Menschen aus dem Nebel, den das Geld schuf, plötzlich hervortreten, wird er sich vielleicht auch fragen, ob dies eine freundliche oder feindliche Begegnung sein wird. Das aber hängt nicht zuletzt davon ab, was die Menschen erdulden und erleiden mussten, um für ihn Stuhl und Kaffee herzustellen. Hat er sich daran beteiligt, den Preis für ihre Arbeit mit allen Mitteln zu drücken? Was hat er selbst gegeben? Und sind hier Dritte im Spiel, die beide Seiten gleichermaßen ausgebeutet und ihre Beziehungen verdunkelt haben?

An diesem Punkt können sich beide gemeinsam fragen, wie sie diese unsichtbaren Dritten aus ihrer Beziehung bekommen. Wie sie aufhören können, gegeneinander um Geld zu konkurrieren, um stattdessen miteinander zu kooperieren. Das scheinen heute vermessene, unrealistische, utopische Fragen zu sein. Gibt es denn etwas anderes als fremdbestimmte Lohnarbeit? Ist nicht jeder ein Träumer, der etwas anderes will? Die Frage läuft letztlich darauf hinaus, ob wir in der Lage sind, unsere Lebens- und Tätigkeitsverhältnisse gemeinsam selbstbestimmt zu gestalten. Oder ob wir die Gnade der Arbeit aus den Händen einer mysteriösen, gottgleichen Institution namens Markt von oben empfangen wollen – und von oben auch wieder entzogen bekommen. Es fällt uns selten auf, wie absurd und infantil die Idee ist, dass irgendjemand uns Arbeit gibt. Sind wir nicht mit Händen und Verstand gesegnet, um selbst etwas zu tun? Ist uns nicht die Gabe der Sprache verliehen, damit wir uns miteinander verständigen und Gemeinsames schaffen können? In den 200.000 Jahren, die Homo sapiens auf der Welt ist, haben Menschen den überwältigenden Teil der Zeit genau das getan. Die antiken Marktwirtschaften und der moderne Kapitalismus sind dagegen nichts als kurze Zwischenspiele, auf die wir einst – wenn wir den Kapitalismus überleben – kopfschüttelnd zurückblicken werden.

Dieser Beitrag ist erstmals in der Zeitschrift OXI (Ausgabe Februar 2017) erschienen.

Fabian Scheidler ist Mitbegründer von Kontext TV und Autor des Buches „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ (www.megamaschine.org).

Der Stoff, aus dem die Träume sind